Dienstag, 1. Februar 2011

*04* Wie nah ist das Finale des Sapiens?


„Menschen,
ich hatte euch lieb.
Seid wach!“
(Julius Fucik, Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, 1943, im Nazigefängnis von Prag, in „Reportage, unter dem Strang geschrieben“)


Heute gleicht die Menschheit
einem mächtigen Stau loser Stämme
auf einem breiten Strom,
kurz vor dem senkrechten Absturz.
Noch geht es träge dahin,
kurz vor dem Abgrund
scheint der Strom noch zu zögern,
die Stämme werden auch von schroffen Klippen
noch einige Momente aufgehalten,
um dann plötzlich in die Tiefe zu donnern.“
(Herbert Gruhl, „Himmelfahrt ins Nichts. Der geplünderte Planet vor dem Ende“, 1992)


Über Artur Koestler, Ex-Kommunist, Spanienkämpfer 1936-38, in den Internationalen Brigaden. Fußnote aus Hoimar von Ditfurth, „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit“ (1988):

„Arthur Koestler, ‚Der Mensch – Irrläufer der Evolution‘, 1978. – K. entwickelt darin u.a. den Gedanken, dass der Durchgang durch eine thermonukleare Entwicklungsphase eine Art kosmischen Tests auf psychische Gesundheit darstellt, den jede Zivilisation – auch K. rechnet mit einer großen Zahl außerirdischer Zivilisationen – früher oder später zu bestehen habe. „Kranke“ Zivilisationen würden dabei als ihr eigener Scharfrichter selektiv wirksam in der Art eines „kosmischen Unkrautvertilgers“. Als Belege für eine „Geisteskrankheit“ unserer eigenen Spezies führt er auf: die in grauer Vorzeit anzutreffenden Rituale des Menschenopfers, das hartnäckige Austragen intraspezifischer Kriege, die paranoide Spaltung zwischen rationalem Denken und irrationalem, auf Affekten beruhendem Glauben sowie der Gegensatz zwischen der Genialität der Menschheit bei der Unterwerfung der Natur und ihrer Unfähigkeit, mit ihren eigenen Problemen fertig zu werden – symbolisiert durch die neue Grenze auf dem Mond und Minenfelder quer durch Europa.“


„Völlig sinnlos ist alles, war die Erkenntnis des Philosophen, völlig sinnlos. Man kann tun, was man will, es hat alles keinen Sinn…
Ich beobachtete alles, was Menschen auf der Erde tun, und ich fand: Alles ist vergeblich. Es ist als jage man dem Wind nach.“
Buch Prediger-Kohelet. Altes Testament.


„Von unseren Städten
wird bleiben
der durch sie hindurch ging:
der Wind.“
(Bertolt Brecht)

„Und sie sägten die Äste ab
auf denen sie saßen
und fuhren krachend in die Tiefe,
und die ihnen zusahen,
schüttelten die Köpfe
und riefen sich ihre Erfahrungen zu
wie man besser sägen könnte,
und sägten weiter“.

(Bertolt Brecht)


„Die Menschen sind doch keine Wölfe.
Gottseidank sind sie bestechlich.
Die Bestechlichkeit bei den Menschen
ist wie die Barmherzigkeit bei Gott,
und so hat sogar ein Unschuldige eine Chance,
bei Gericht durchzukommen.“
(Bertolt Brecht)


„Gott, der Herr, brachte also den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen. Weiter sagte er zu ihm: ‚Du darfst von allen Bäumen des Gartens essen, nur nicht von dem Baum, dessen Früchte Wissen geben. Sonst musst du sterben‘.“
(Genesis)

*****

Und? Ist hier nicht, in dem scheinbar idiotischen Satz - weil gilt: „Wissen ist Macht!“ -, den ein alter hebräischer Seher aufschrieb, eine Urerinnerung des universalen Lebens fixiert worden, eine Urerinnerung an die letztlich für alles intelligente Leben unverdauliche Erkenntnisspeise, so dass Koestler noch als Optimist gelten muss? Das „Wissen“ ist offensichtlich so schnell, so eruptiv im Sapiens explodiert, dass er den Garten Eden schon zerstört hat, bevor er ihn richtig wohnlich einrichten konnte. Und wenn es eine Universalität der Weltgesetze gibt: Warum sollte es in anderen bewohnbaren Winkeln des Kosmos anders sein?

Aus einer von mir angestellten Hochrechnung in 1994, betreffend das Jahrzehnt von 1991-2001 (Die diesbezüglichen Daten des Fischer-Weltalmanachs lagen erst 1994 vor) folgt, dass die VRC und die USA im Jahr 2083 Gleichstand im Pro-Kopf-BSP erreichen: 1,2 Millionen US-Dollar pro Nase. Das impliziert erstens, dass es überhaupt kein Überalterungs- und Rentenproblem gibt, dass das Aufhetzen der Jungen gegen die Alten, das Heulen und Wehklagen, nur das „Klappern zum Handwerk“ des Kapitalismus ist, hier und heute schnell noch das maximalste an Profiten aus den Menschen heraus zu pressen, bevor der ganze Saftladen zusammen fällt. Um die Position der SPD bei der damals anstehenden Bundestagswahl zu stärken, sandte ich die Daten an den SPD-Vorstand. Er bedankte sich artig im ersten Computer-Textbaustein, um im zweiten, individuellen Eingehen auf den Brief anzumerken, man könne allerdings meinen kruden Gedankengängen nicht beitreten. Man achte auf das Wörtchen „krude“. Es ist für die SPD das Markenzeichen, wie für die CDU das „alternativlos“. Für sie ist alles krude, unausgegoren, was nicht in ihren fixierten, dämlichen Horizont passt. Dabei hatte ich die Daten mir ja nicht aus den Fingern gesogen oder aus Stalins Fünfjahrplänen abgeleitet oder aus Marx‘ „Kapital“, sondern aus den statistischen Zahlen des renommierten Weltalmanachs. (Gruhl hat übrigens mit seinen Kassandrarufen nichts anderes gemacht. Er benutzte UNO-Statistiken). In einer beiläufigen Diskussion mit einem alten kommunistischen Parteifreund zu einer anderen Sache fragte dieser: „Woher hast Du die Zahlen?“. – „Aus dem Fischer-Weltalmanach“. – Er: „Alles gelogen“. Leichtfertig ist die Jugend…, auch wenn sie über 80 geworden ist. Ich sagte ihm, wie Stalin die Frage der Glaubwürdigkeit statistischer Zahlen beurteilt hatte. Aus dem Gedächtnis zitiert: „Die Genossen haben mir da Zahlen vorgelegt, gebe Gott, dass sie stimmen, doch ich glaube nicht daran. Im Gegensatz dazu waren die Daten der bürgerlichen Statistiker immer richtig. Ein falsches Datum zu nennen vertrug sich nicht mit ihrer Berufsehre; sie hätten sich eher die Zunge abgebissen“.

Doch zurück zum SPD-Vorstand. Ich insistierte beim Generalsekretär Benneter. Der schrieb mir: „Ich sage nur: Ihre Zahlen sind interessant. Doch nun muss ich Wahlkampf machen“. Mit den alten Ladenhütern. Ich schrieb ihm nochmal, es käme nicht darauf an, ob meine Zahlen interessant seien, sondern darauf, ob sie richtig oder falsch wären. Und da ich sie aus dem Almanach hätte, seien sie richtig. - Es ist ihnen nicht zu helfen.

Zweitens bedeuten diese Zahlen aber auch, dass wir dem Ende nahe sind. 2083 werden wir 3 Milliarden chinesische Millionäre haben und sie haben dann die „Höhere Phase des Kommunismus“ nach der Gothaer-Programmkritik, 1875, von Marx erreicht. Technisch sollte die entwickelte kapitalistische Welt das ebenfalls schaffen können. Dass sie realistischer Weise eher am Hungertuch nagen wird, ist eine andere Frage. Es könnten also weitere 3 Milliarden kapitalistische Millionäre hinzu kommen. Daneben wird es 6 Milliarden in Slums geben und im Jahr 2500 zählt der Planet 135 Billionen glücklicher People auf 135 Billionen Quadratmetern Landfläche. Hier hilft uns der gerade pensionierte Inhaber des lukasischen Lehrstuhls für Mathematik auf (auf dem schon Newton und Dirac saßen), ein gewisser Stephen Hawking, der Auswandern zu anderen Planeten offeriert. Das Pech ist nur, dass er nicht rechnen kann, was nicht selten vorkommt: Friedrich Engels wies das schon dem großen Kelvin nach. Denn: 2465 ist die Erde erst halb voll; jeder hat noch 2 Quadratmeter zur Verfügung. Und nun müsste Hawking bis 2535 210 Billionen Menschen von der Erde abtransportieren und dazu drei weitere Planeten von Erdformat und Erdbeschaffenheit finden, um nur den Halbpökelzustand von 2465 auf allen vier Planeten zu halten. Führt das Essen vom Baum der Erkenntnis also nicht geradeswegs in den Tod der ganzen Gattung?

Der besagte alte Kommunist, kein Simpel übrigens, zu Anwandlungen, an die nächsten 100 Jahre zu denken: „Mich interessiert nur, was hier und heute zu bewältigen ist. Die Menschen in 100 Jahren werden ihre eigenen Lösungen finden!“ Ja, wenn „die Menschen“, sie jemals gefunden hätten. Sie waren bisher niemals fähig, das RESPICE FINEM zu bedenken und die in 100 Jahren brennenden Probleme können nur jetzt, auf der Stelle, angefasst und gelöst werden – wenn sie denn noch überhaupt lösbar wären. Der Pökelzustand ist doch jetzt schon da. Ein Künstler mit dem Fotoapparat hält die Bürger der Größttown der Welt, Tokio,
in Bildern fest, wie sie morgens und abends, stehend, mit geschlossenen Augen und mürrischen Visagen, wie Heringe gepökelt, in den Verkehrsmitteln zur Arbeit und zurück gekarrt werden. Ein Arbeitskollege, Ingenieur, erzählte mir vom Nachbarn, einem Lehrer, in dem Reihen-Eigenheim nebenan. Der wäscht sonntagnachmittags seinen Wagen und spricht und agiert dabei so laut, als ob er allein auf der Welt wäre. Er ignoriert den Pökelzustand durch abstrahierendes Wegdenken seiner ganzen Umgebung, in dem er sich schon im Wunschtraum aller, dem Eigenheimchen von 10x10 auf Grundstücklein von 20x20 befindet. Die amtlichen Stadtkarten, die man beim Bauen bekommt, weisen diese elitären Wohngebiete als denaturierte Bienenwaben aus. Die Hochhäuser vollends – auch die knipst jener Fotograph – gleichen überdimensionierten Hühnerstall-Legebatterien. Der Mensch besitzt heute schon nicht mehr den Auslauf artgerechter Bodenhaltung nach dem deutschen Wirbeltierschutzgesetz.

Was ist dem Menschen angemessen? Freiheit, sich zu bewegen. 20 Personen der Urhorde auf 20 km im Quadrat. Persönlicher Freiraum von 4,5 km Quadrat-Kantenlänge. Er beträgt aktuell 135 Meter im Quadrat und ist um 2500 auf 1 Quadratmeter geschrumpft. Das erzeugt individuelles und kollektives Amoklaufen und gegenseitiges Totbeißen, wie in einer Ratten-Überpopulation. Das ist das Resultat des Erkenntnisfraßes, vor dem die Götter warnten.

Sehen wir uns wieder die nur 6 Milliarden Millionäre von 2083 an. Keiner arbeitet mehr, denn das Erledigen unsere Blechaffen: In jedem der drei Volkswirtschaftssektoren ist an notwendiger Arbeit nur noch das erforderlich, was jetzt schon im Primären Sektor erreicht ist: 1 % der Bevölkerungszahl. (Meine lieben Kapitalisten: Wie wollt ihr wohl mit eurem „Handel und Wandel“, das noch handhaben?). Und nun haben diese Millionäre alle einen Anspruch auf Alptraumhäuser von Bill-Gates-Zuschnitt. Sie müssen in einen Garten von 1 Quadratkilometer eingebettet sein, und um die Nachbarn entfernt zu halten, müssen weitere 8 Quadratkilometer-Stücke leer darum herum gelagert sein. Und: Woher dann Flächen und Baumaterial für annehmbares Wohnen nehmen? Welche Häfen können die 2 Milliarden Luxusjachten zum müßigen Ganzjahres-Ewigkeits-Urlaubs-Schippern in der Südsee aufnehmen?

Ich fürchte, der Traum vom Kommunismus wird in dem Augenblick, (schon auf dem Wege dahin) zerplatzen (wie jüngst die Lokuspapierblase der Finanzkapitalisten) in dem er real zu verwirklichen ist. Keine Sorge, sagt dazu der polnische Professor Lem, der einen besonders hohen IQ vorweisen kann, mit der Gelassenheit, als ob es sich um eine Portion warmer Würstchen handelte: „Die Sache kommt wieder in Ordnung: Durch Massensterben“. Da kann man ihm nicht widersprechen; man kommt auch ohne hohen IQ drauf.

Ist unser Tun nun idiotisch oder nicht; ist es kein „Jagen nach dem Wind“ aus dem Buch Prediger oder aus einem Gedicht von Brecht? Diese Erkenntnis geht aber in dem Moment total verloren, in dem man sich auf Gegenwartsaufgaben konzentriert und das ist an meinen drei ersten Aufsätzen zur Nordafrikanischen Revolution zu beobachten. Sofort verschwindet das Damoklesschwert auch aus der Sicht dessen, der es bereits lange da hängen sieht.

Wenn das Glück uns gnädig ist, werden ein paar Sapiens das kommende Inferno überleben – und statt des technisch möglichen zivilisierten Höchstkommunismus sich im Steinzeit-Urkommunismus als Himbeerensammler wiederfinden. Vielleicht werden sie sich sogar glücklich schätzen, statt der Hühnerscheiße aus den Maggi-Kochstudios wieder richtig-naturbelassene Nahrung essen und reines Wasser trinken zu dürfen und der Notwendigkeit enthoben zu sein, sich mit dem ewigen Kanalisationsproblem moderner Lebensweisen befassen zu müssen. Sie können problemlos wieder hinter ihre Hütten scheißen, im Wald, der ihnen „nachhaltig“ alles zum Leben bietet, an einer sauberen Quelle, in die kein Kapitalist am Oberlauf Brunnenvergiftung begehen muss, weil er anders sein Chemiegift nicht los wird und was die Leute am Unterlauf, „aufbereitet“ saufen müssen. Auch „aufbereitetes“ Wasser behält alle Informationen der Kranken-Scheiße, die vorher reingetan wurde.

Sind ihre unglücklicheren Zeitgenossen durch Ertrinken umgekommen, weil "gegen Ende dieses Jahrhunderts“ – so der Herausgeber von „NATURE“ – das Eis der Westantarktis am Stück in den Ozean gleitet und seinen Spiegel schlagartig um 5 Meter hebt – was keine Metropole überlebt; sie befinden sich fast alle am Wasser – dann werden auch die Bibliotheken abgesoffen sein und das Studieren hätte erst mal Pause. Doch so, wie wir sie kennen gelernt haben, werden die Sapiens ihre Bücher trocknen und wieder Überlegungen darüber anstellen, ob man nicht doch wieder mit etwas „behutsamer“ Technik sein Leben verschönern könnte? Und so geht das ganze Elend wieder von vorn los und wieder werden die „Wachstums-Sachzwänge“ munter am Laufen gehalten und die Scheuklappen wachsen wieder nach.

Ganz schlechte Karten hätten sie allerdings bei der Endlösung, die der Physiker Burkhard Heim skizzierte: Umschlagen des Erdklimas in das der Venus innerhalb eines einzigen Jahres. Dann verdampft auch das Leben im Meer und es gibt keinen Kreidezeit-Neuanfang mehr. Dann dauert die Pause länger.

Es gäbe also genug zu tun, das Richtige zu unternehmen – Kassandras hat es genug gegeben – statt in den Wüsten Irans und Turans herumzueiern mit einer Zivilisationsbringe, die den damit Bedachten bereits 200.000 Tote gekostet hat, aber „alternativlos“ ist. Da sie also weiterhin hartnäckig eiern, kann man nur den Schluss ziehen: Dieser sapiens ist tatsächlich so hochgradig verrückt, wie Koestler das schon skizzierte. Er war nicht der erste, der diese Diagnose stellte. Der Philosoph Seneca sah schon vor 2000 Jahren die Sache so:

„Wenn man die Menschen betrachtet, was sie treiben und was sie erleiden, bar jeder Menschenwürde, ein Hohn auf jedes gesunde Denken, so würde man nicht zweifeln, Verrückte vor sich zu haben, wenn es sich um eine kleine Gruppe handelte. Da sie aber alle verrückt sind, erblickt jeder in der großen Masse seiner Mitverrückten den Beweis für die eigene geistige Zurechnungsfähigkeit“.

Ist es da erstaunlich, dass ein Marx diesen Hinweis ignorierte und sein Leben aufopferte, um in mühseliger Forschungsarbeit die universalen Weltgesetze ausfindig zu machen und dadurch nach Auswegen zu suchen? Oder dass ich nicht davon lassen kann, ebenfalls an diesem Spiegel zu arbeiten, in den doch keiner reinschauen will, weil er nichts anderes als „das Bildnis des Dorian Grey“ zu sehen bekommt? „Die Nashörner“? „Warten auf Godot“? Es ist eben „Das Glasperlenspiel“ des Hermann Hesse, auf das keiner verzichten mag. Forschen bis zur letzten Sekunde. Auf dem Pfad, der erwiesenermaßen in den sicheren Tod führt. Und dabei ist das alles bereits in großen uralten Bibliotheken archiviert. Warum sind die Klügsten unter uns auch nicht gescheiter als Bileams sprechende Eselin?
Warum wollen wir Prometheusse sein, obwohl wir genau wissen, dass wir zu ewigen Sisyphussen verdammt sind?
Trotzdem mal ein bisken Nachdenken?

Saludos cordiales,
Sybilla Engels

Postskriptum. Ich wollte ursprünglich mit den Fettdruck-Zitaten das eigentliche Script nur einleiten. Nun ist diese Introduktion durch meinen Senf zu diesen Zitaten zu einer Eigenständigkeit gelangt, der man nichts mehr hinzufügen muss.

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