Montag, 31. Januar 2011

*03* Ergänzendes zur Nordafrikanischen Revolution und ein Hauch von Endzeitlicher-Betrachtung

Generelles:

Während es Pseudorevolutionen (Putsch, Palastrevolution) auf unserer Erde fast so viele gibt wie tägliche Blitzeinschläge, sind wirkliche historisch-umwälzende technisch-sozialökonomisch unvermeidliche fundamentale Revolutionen in unserer Erd-Geschichte auf ganze 4 Stück begrenzt. Diese Begrenzung ergibt sich aus dem Sachverhalt, dass es nur 5 Gesellschaftsformationen gibt:
Urgemeinschaft (Urkommunismus)
Sklaverei
Feudalismus
Kapitalismus
Sozialismus/Kommunismus
und dass diese 5 Formationen eine Evolutionsspirale bilden, die von einer gegebenen Ur-
Position (These)
gesellschaftlicher Urfreiheit, verbunden mit knechtender Abhängigkeit unter die nicht beherrschten Naturbedingungen aufgrund technischer Unterentwicklung führt zur
Opposition (Anti-These)
von drei Klassendiktaturgesellschaften, die eine relativ schnelle Entwicklung der Produktionsinstrumente einleitet, die Mehrheit der Menschen aber gesellschaftspolitisch versklavt. Bis dann der technische Entwicklungsstand erreicht wird, der zur Aufhebung dieser Knechtung führen kann und muss, weil der Entwicklungsstand der Produktionsinstrumente das ermöglicht und gleichzeitig erzwingt, weil die Produktionsinstrumente nunmehr auf alte Art nicht mehr zu handhaben sind. Dieser Status ist die
Komposition (Synthese)
der Geschichte, die Gesellschaftsformation „Kommunismus“, das Kapitel II der Weltgeschichte, die eigentlich-menschliche Geschichte, die aufgrund der Gegebenheiten nicht durch utopische Wunschvorstellungen oder anarchistischen Voluntarismus zu erreichen ist, sondern, wie alle früheren Umwälzungen, noch staatlich verfasst sein muss, also mit einer Klassendiktatur beginnt, um die allgemeine Freiheit aller Menschen auf einem realistischen Weg zu bewerkstelligen.

Diese Vorstellung klingt nach den Erfahrungen der Pleite des Moskauer Kommunismus total bescheuert-ignorant, ist aber die von Hegel aus der Geschichte und der Logik abgeleitete Gesetzmäßigkeit, die von Marx allseitig untersucht und vollendet formuliert wurde. Marx nannte diese Revolutionen deshalb „die Lokomotiven der Geschichte“. Sie entstehen nicht aus Wunschvorstellungen sondern werden erzwungen von den sich entwickelnden materiellen Produktionsbedingungen der Menschen. Auf dieser Grundlage entstehen in der Wissenschaft Menschengruppen, die die Entwicklungsbedingungen mehr oder weniger richtig erkennen. Das ist der sogenannte „subjektive Faktor“, der Faktor des aktiv-bewussten Handelns von Menschen, die alten verknöcherten Strukturen zu zerbrechen und neuen Strukturen die Bahn zu brechen.

Die Physik weiß heute, dass es eine „Große Einheit der Natur“ gibt, dass die Gesetze, die die „tote“, mineralische Natur regieren, in abgewandelter Form auch die Geschichtsgesetze hervorbringen, denn in Wahrheit gibt es keine „tote“ Natur, aus der durch zufällige Agglomeration lebloser/geistloser Partikel Leben und Denken nur partiell und temporär hervorgehen würden. Die fundamentalsten Gesetze der Natur und der Geschichte lassen sich in vier Grundzügen formulieren.
(1) Alle Dinge und Phänomene hängen organisch zusammen, von einander ab und bedingen sich wechselseitig.
(2) Alle Dinge und Phänomene sind nicht tot und starr gegeben, sondern in ewiger Bewegung und Entwicklung begriffen, haben ihre aufstrebende und ihre absterbende Seite.
(3) Die Entwicklung erfolgt in qualitativen Sprüngen, derart, dass die Ansammlung von verändernden Quantitäten allmählich erfolgt, über einen längeren Zeitraum äußerer Unveränderlichkeit, um an einem bestimmten Knotenpunkt zu einem plötzlichen, schnellen qualitativen Sprung in eine neue Qualität zu führen. „Deshalb“, sagt Stalin, „darf man, um in der Politik (der aktuellen Geschichte) nicht fehl zu gehen, kein Reformist, sondern man muss Revolutionär sein“.
(4) Die Ursache dieser Gesetze, die Existenz der materiell/geistigen Welt, ist begründet in der ewigen Existenz logisch-dialektischer Widersprüche/Polaritäten, die sich gegenseitig sowohl ausschließen als auch bedingen. Es gibt kein Plus ohne Minus, kein Integral ohne Differential, kein rechts ohne links, kein Vakuum (Raum-Leere, Leere Menge) ohne Plenum (Erfülltsein des Leeren mit etwas, „das nicht ganz leer“ ist).

Ob wir jemals fähig sein werden, das „Getriebe“ zu enträtseln, das sich im Grundzug (4) mindestens ansatzweise begreifen lässt, ist fraglich. Der Physiker George Greenstein fordert seit 1980, dass wir endlich herausfinden, nicht wie Naturgesetze funktionieren – davon kennen wir eine ganze Menge, manchmal allerdings nicht bis in die letzten Konsequenzen; der simple einfache mechanische Stoß z.B. ist immer noch rätselhaft – sondern wie ein Gesetz überhaupt entsteht. Und das wissen wir von keinem einzigen. Doch dass wir uns in der Geschichte auf die Naturgesetze verlassen können, insbesondere auf den Grundzug (3), zeigt ein Vergleich.

Fügt man Wasser von Zimmertemperatur Wärmequantitäten hinzu, bleibt über einen längeren Zeitraum (einige Minuten) sein Aggregatzustand unverändert. Wird der Knotenpunkt von 100°C, Normaldruck, erreicht, schlägt es schlagartig, innerhalb von wenigen Sekunden, in die Qualität des neuen Aggregatzustands, des Siedens (Gasphase) um, wobei es unvermeidlich eine Umwälzung (auf Deutsch: eine Revolution) gibt. (Nebenbei: Es entstehen im sich umwälzenden, brodelnden Wasser unter bestimmten Bedingungen hexagonale Ordnungsstrukturen, die Vorformen zur Organisation lebender Strukturen abgeben, so dass man fast annehmen muss, dass die Wassermoleküle „denken“, sich verständigen können, darüber, dass sie koordiniertes Verhalten einnehmen und einhalten müssen. Doch das muss an dieser Stelle undiskutiert bleiben. Ich werde es in einem Artikel „Prigogine, Stalin und die Brennwerttechnik“ zu umreißen versuchen).

Umwälzungen in der Geschichte werden ursächlich eingeleitet durch die allmähliche, alltägliche Verbesserung der Produktionsinstrumente in einer gegebenen Gesellschaftsformation aufgrund täglicher Arbeitserfahrungen. Dieser allmähliche Prozess führt an einem bestimmten Entwicklungsgrad-Knotenpunkt urplötzlich zu einer Industriellen Revolution. Die allmähliche Verbesserung der Werkzeuge des mittelalterlichen Handwerkers, die sich über Jahrhunderte hinzog, führte unvermeidlich-plötzlich, zwischen 1770 und 1800, zur Werkzeugmaschine, zur Befestigung dieser Werkzeuge an eine maschinelle Führung, statt der Führung durch Menschenhand. Diese Industrielle Revolution machte sodann unvermeidlich und sofort das lange politische Streben des Bürgertums nach politisch-wirtschaftlicher Freiheit als revolutionäre Tagesaufgabe möglich und erforderlich: Durch die politische Revolution von 1789 wurde die weltweite Ersetzung des Feudalismus durch den Kapitalismus bewirkt, wurde das herrschende Produktionsverhältnis (Eigentumsverhältnis), dem Sachstand der gegebenen Produktionsmittel angepasst.

Die praktische Nutzung der Elektrizität begann schon mit Guericke, machte einen kleinen Sprung bei Oerstedt, führte zu Generatoren und Motoren der dicken Säfte, und dann zu den dünneren der Elektronik und plötzlich, um 1982, schlug diese lange Entwicklung in die Geburt des Personalcomputers um – und nun sind die Kapitalisten alle zu Rudi Ratlos geworden und können nicht begreifen, warum ihnen dieser Quantensprung nach 30 Jahren endgültig das Genick bricht und die Revolution in Nordafrika so schnell zum Brodeln brachte. Damit kommen wir zum

Aktuellen:

Man spielt unter vernunftbegabten Menschen niemals mit der Revolution. Sie ist voluntaristisch ohnehin niemals zu erzwingen. Sie erfolgt nur dann zwingend-unvermeidlich, wenn alle Produktionsmittel der neuen Gesellschaftsformation voll entwickelt sind und wenn deshalb die alte Gesellschaftsformation diese neuen Mittel nicht mehr handhaben kann, wenn sie daran zugrunde geht. Dass die Kapitalisten in ihrer Verzweiflung (gepaart mit bodenloser Dummheit) aus Lokus- Wertpapier machten, was zu dieser einzigartigen Wirtschaftskrise von 2008 führte, zeigt zum anderen, dass sie am Ende sind. Und nun ist die Revolution in Nordafrika ausgebrochen, das, alles in allem, den Höchststand der neuen Technik noch nicht erreicht hat, während die Verzweiflung der verarmten Massen besonders groß ist. In einer solchen Situation, dem Reißen der Kette am schwächsten Glied, verhält man sich nicht sektiererisch-arrogant zu einer solchen Volksbewegung, sondern versucht, sie zu stützen, damit sie das Beste daraus machen kann.

Da der Gegner auch niemals schläft, und seine Trickkiste stets mit neuen Schandtaten füllt, sehen wir auch in Kairo was Neues. Das Regime hat organisiert und schlagartig die Polizei aus den Städten und von den Gefängnissen abgezogen, damit die Kriminellen „ausbrechen“ und marodierende Banden bilden, an denen sich Polizei beteiligt und die Furcht und Schrecken verbreiten, Massenmord, Raub und Brandstiftung begehen, wogegen die Revolution machtlos ist, weil sie über keine wirkliche Führung und keine eigenen Machtmittel verfügt. Das soll über einen Zeitraum von zwei Tagen das ganze Land in ein solches Chaos stürzen, dass danach von allen das für heute, 31.01.11, befohlene Wiedererscheinen der Polizei-Büttel mit Erleichterung begrüßt wird, so dass die Revolution mit der Konterrevolution Mubaraks besiegt werden kann. Ob das Militär sich neutral verhält oder als zunächst still- und platzhaltender Komplize in dieses Verbrechen eingebunden ist, muss man wohl zugunsten der zweiten Annahme beantworten. Die Bildung von Räten ist spontan erfolgt, in Gestalt der Bürgerwehren, die mit Knüppeln, Messern und Gewehren lokale Zentren der Ordnung geschaffen haben.

Revolutionen sind in der Eruptionsphase kurzfristig. „Zehn Tage die die Welt erschütterten“, heißt ein Buchtitel eines Angelsachsen über die Oktoberrevolution. Diese Phase ist in Tunis beendet und hat zum Patt geführt, faktisch zur Behauptung der zweiten Garnitur des weiland Alis. In Ägypten ist heute, 31.01.11, Tag 7 der Revolution und man kann damit rechnen, dass ihre Eruptionsphase in drei Tagen beendet ist durch den faktischen Sieg Mubaraks. Wie man die Brüder kennt: Sie werden mit diesem neuen Trick, Chaos zu organisieren, um konterrevolutionär zu siegen, von der guten alten CIA munitioniert worden sein, denn die hat noch was ganz anderes in ihren Schandtaten-Handbüchern. Immerhin: Ägypten wird am Tag 11 nicht mehr das Ägypten des Tages Null sein. Es wird ein Tauziehen geben – und es werden neue Eruptionsphasen kommen. Eines aber werden die Revolutionäre dort gelernt haben: Dass man keine Revolution machen kann durch bloßes Erscheinen auf der Straße und dem wütenden Skandieren von Forderungen. Eine Revolution muss, um siegreich beendet zu werden, zu Beginn der Eruptionsphase stündlich/täglich von Erfolg zu Erfolg schreiten, also feste Machtbasen, eine nach der anderen erobern, sonst wird sie von den organisierten Beharrungskräften/Instrumenten abgewürgt. Damit man aber siegen kann, muss man organisiert auftreten, oder, im Fall der Spontaneität, sofort mit der Schaffung von Organisationstrukturen beginnen. ElBaradei versucht es wenigstens gerade. Und: Die Revolution muss bewaffnet sein, denn „Die Macht kommt aus den Gewehrläufen“ (Mao).

Always Yours,
Sybilla Engels

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