Samstag, 5. Februar 2011

*09* Ägyptische Bilanz



In den 10 entscheidenden Eruptiv-Tagen der Revolution probierte die Mubarak-Bande alle Tasten der Klaviatur des Macht-Erhalts aus. Zuerst die Klassik: Wüstes Einschlagen der Polizei auf die Demonstranten, in Uniform. Als das nicht klappte: System Steinzeit. Abziehen der Polizei von der Prügelfront und aus den Gefängnissen, zwecks Freisetzen der Kriminellen, zum Marodieren, um ein rettendes Chaos zu erzeugen. Als das nicht klappte, weil sich eine besondere Form von Räten, die Bürgerwehren bildeten: System Barock! Polizei in Räuberzivil stecken und sie das Chaos durch eine Zwei-Tage-Steineschmeiß-Schlacht organisiert herbeiführen lassen.

Das Kindisch-Verrückte des Sapiens schlägt bei jeder Gelegenheit immer wieder durch. Bei mir weckte es Erinnerungen an den Sommer 1941, 13 Jahre alt, letzte Elementarschulklasse. Es gab da ein mit Wasser vollgelaufenes Baggerloch des bei Kriegsbeginn eingestellten Autobahnbaus. Das benutzten wir als Schwimmbad. Meine lokalen Freunde – und fremde Gleichaltrige aus der nahen Stadt. Dazwischen auch kleinere Kinder. Die fremden Nachbarn, unter der Führung eines Individuums, der mit „Pisser-Knopp“ bezeichnet wurde, begannen mit unfreundlichen Akten zum Kräftemessen und Verdrängen. Beide Gruppen waren mit etwa 8 Pupils gleich stark. Ich bedeutete den unseren, sich aus dem Wasser zurück zu ziehen und sich am Westufer zu sammeln. Als das geschehen war, eröffneten wir die Schülerwürdeverteidigung durch den Angriff mit Steinwürfen auf den Gegner, trieben ihn aus dem Wasser auf das Ostufer und es begann ein Artilleriefeuer-Duell mit Steineschmeißen über die trennende Wasserfläche des Baggerlochs hinweg. Dabei besaßen wir Kinder, auf beiden Seiten, eine hohe Moral, die Erwachsene in ihren Kriegen regelmäßig suspendieren. Um die noch Kleineren, Hilflosen vor den Granaten zu bewahren. Ganz ohne Genfer Konvention, durch Zuruf und zeitweilige Feuerpause, brachten wir sie in die sicheren Etappen.

Unser Problem war: Wir mussten den Gegner, um ihn in die Flucht zu schlagen, durch einen schnell vorgetragenen Überraschungsangriff über den beim Baggern im Loch stehen gebliebenen Weg-Steg-Damm vom Ostufer zurückwerfen, auf die dahinter liegende Aschenfläche, wo ihm keine Steinmunition mehr zur Verfügung stand. Das gelang. Danach konnten wir ihn 500 Meter weiter treiben, bis über die als natürliche Grenze wirkende Bahnlinie. Danach stand es unentschieden, da der Gegner nun auf Eisenbahnschotter zurück greifen konnte. Der Angriff kam zum Stehen, wir aber hatten unsere Würde und unser Revier erfolgreich verteidigt. Dieses Ereignis ging als „Schlacht am Baggerloch gegen die Pisser-Knopp-Bande“ in die Annalen unserer Kindheits-Militärgeschichte ein. Die wir uns, nach weiteren vier Jahren abschminkten, endgültig fürs Leben, als wir, für wenige Tage, den Rest des Pulverdampfes des Krieges der Erwachsenen noch mit zu riechen hatten.

Willenlose Ameisen, nicht lernfähige große Kinder? Man kann es sich aussuchen, wenn man von dieser Warte aus das Treiben, Gestern und Vor-Gestern, auf und an dem Tahrir-Platz, beobachtete. Als das auch nicht mehr funktionierte, durfte das Militär sich mildernde Umstände zubilligen und handeln. Auch das war eine Schlägertruppe Mubaraks, konnte aber nicht als Ersatzpolizei eingesetzt werden, weil die Generäle auf der Seite Mubaraks, die Soldaten aber auf Seiten ihrer Väter und Brüder standen.

Und dann begann, heute, am 11. Tag der Revolution, der Paradigmenwechsel, durch halboffene Geheimdiplomatie: System Rokoko. Barak, die ägyptischen Generäle und die in der ägyptischen Verfassung nicht vorgesehenen „Fünf Weisen aus dem Morgenlande“ (Millionärskapitalisten, garniert mit einem Sahnehäubchen politischen Beharrungsvermögens), setzten nun gemeinsam Mubarak in endgültige Schockstarre, beriefen sich auf juristische Kautelen und die Notwendigkeit eines geordneten Übergangs nach tunesischem Muster, um das System der Klassenherrschaft auf diese Weise, zu ihren Bedingungen, zu erhalten. 10 Tage eierte Barack um den heißen Brei herum, bevor er sich zum Demokratieanforderer mauserte. Der UNO-Chef fordert jetzt die Einführung der Demokratie in Ägypten. Welch ein Armutszeugnis. Welch ärmeres Armutszeugnis, dass die europäischen „Gebildeten“ es für total-normal halten, dass 90 % ihrer Demokratie spielenden Mitglieder Diktaturen sind.

Die ägyptische Revolution konnte nicht mehr bringen als die tunesische. Ihre sozialen/Menschenrechte-Forderungen verwirklichen kann nur die sozialistische Revolution. Das ist den Handelnden nicht bewusst. Sie werden es gelernt haben, nachdem sie wieder beschissen worden sind: Eine solche Revolution, wie sie ihnen ganz schemenhaft erschienen sein mag, ist nicht mit Gebeten, Singen und Volksfestbelustigungsaktivitäten zu gewinnen, bar jeder Führung und Organisation. Mittels Kinder-Steine-Schmeißen müssen sie lernen, dass eine Revolution bewaffnet sein muss. Niemand hielt heute eine Rede, wie Lenin im Vor-Oktober, auf einem Panzerwagen, als er die Aprilthesen verkündete, die der Oktober-Revolution Zielrichtung und Programm gaben. Das Singen auf dem Tahrir-Platz war der Abgesang ihrer bescheidenen Forderungen.    

„Nach Palma di Mallorca“, sagte der unvergessliche Jürgen von Manger, „kommt man zu 50 % mit dem Flugzeug und zu 50 % durch seine eigene Dusseligkeit“. In das von drei Klassendiktatur-Gesellschaften geschaufelte große Baggerloch-Grab zu liegen, kommt die Menschheit ohne die Manger-Alternative: Ganz allein, zu 100 %, durch ihre eigene Dusseligkeit.

Indes: Lernfähige gewinnen immer was dazu. Als ich Vorgestern das Kamelreiterkorps Mubaraks den Tahir-Platz stürmen sah, wusste ich sofort, welche Waffe dagegen hilft. Allerdings: Es war nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich hatte es aus den Erzählungen der gewitzten Alten, der zwei Generationen vor mir. Die steckten sich einen mit Benzol getränkten langen Lappen ein, um den Polizeihunden einen Schlag damit gegen die Ärsche zu verpassen. Worauf diese jedes Beißen vergaßen, mit dem Hinterteil Parterre gingen, um sich das beißende Benzol aus den Arschlöchern zu rutschen. Also: Wenn ich mal in ägyptische Verhältnisse geraten sollte, hätte ich eine Kinderspielzeug-Wasserpistole dabei, mit Benzin gefüllt. Vielleicht wird ein neues Kapitel der Erdgeschichte dadurch eingeläutet, dass eine Kamel-Kavalkade, durch Einspritzen von Benzin in die Arschlöcher, mittels Schleifen derselben über die Pflastersteine der „Befreiungs“-(Tahrir)-Plätze, demobilisiert wird.

Politik, Krieg, Revolutionen – sie müssen in der Spaß-Gesellschaft Spaß machen – was denn sonst? -, sonst hält man das im Kopp nicht aus. Man gönnt sich ja sonst nix.
„Glückliche Stimmung auf dem Tahrir-Platz: ‚WIR HABEN GESIEGT‘“, so geben die Medien die Stimmung auf dem Platz aktuell, um 23 Uhr, wieder. Ja, sie haben etwas erreicht, was vor 12 Tagen nicht gegeben war. Man soll es nicht gering schätzen. Es wird die Initialzündung einer weitreichenden Entwicklung sein, die auf eine ganze Welt überschwappt, die aber erst im mühsamen Kommen ist. Nur krampfhaft kann der Gouvernanten-Norden der Welt sein Fracksausen verbergen. Und wird deshalb unvermeidlich das tun, was eine alte Oma wie ich unlöschbar im Hinterkopf ihrer Erfahrungen hat:

Sommer 1945, Baby-Cage-Kriegsgefangenenlager der Amerikaner in Attichy. Wir schoben Kohldampf. Nicht zu knapp. Und der generierte an einem Mittag einen großen Tumult, so dass die Posten auf den Türmen schon nervös an den Maschinengewehren fummelten. Und da gab es, zur Beruhigung, plötzlich eine Sonderration Brot. Nicht eben viel, doch der hungrige Mensch freut sich über jede Gabe. Als das verkündet wurde, ging der Tumult nahtlos in einen anhaltenden Beifallssturm über. Dann verzehrten wir glücklich die Sonderration. Abends wurde sie wieder abgezogen. Die Essensbilanz war nicht veränderbar. Die Größe der Zuteilung war „alternativlos“. Schon damals. Doch das Tumultpotential war zerschlagen. Das ist die Methode der Ruhigstellung. Die Nordafrikaner werden am Abend nach diesem Sieg genau so wenige Arbeitsplätze für Akademiker und Nichtakademiker haben, wie sie vorher hatten. Sie werden am Abend nach dem Sieg genau so viele Arbeitslose haben wie sie vorher hatten. Und sie werden von den gleichen Leuten regiert, die sie vorher regierten, die die „Sachzwänge“ nicht ändern können, wohl aber für ihren eigenen persönlichen „Sozialismus“ sorgen werden, wie bisher. Der Unterschied ist: Der gestern noch Geohrfeigte kann morgen sein Elend demokratisch publizieren, alles sagen. Auch wählen. Zwischen Dash und Omo. Zwischen Peter Stuyvesant und Lucky Strike. Mehr ist nicht drin.

04.02.11
Sybilla Engels

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