Sonntag, 30. Januar 2011

*02* Sind Ratschläge erlaubt?



Die Nordafrikanische Revolution hat nach wenigen Tagen bereits mehr Tote gefordert als die Oktoberrevolution von 1917. Für die fleißig Desinformierten: Es war tatsächlich so. Ströme von Blut flossen erst, nachdem sich eine Konterrevolution im Lande und eine ausländische Intervention von 14 Nationen formierte, um den jungen sozialistischen Staat zu erdrosseln. Das dauerte dann von 1918 bis 1922. Der schnelle Sieg der Revolution, mit wenigen Toten (etwa 120), die schnelle Wiederherstellung der staatlichen Ordnung, waren maßgeblich zurückzuführen auf die planmäßige Leitung der Revolution durch eine sozialistische Parteiorganisation und durch die Kriegszerrüttungen, die das Militär der Hauptstadt Petrograd schon vor der Revolution zum Volk übergehen ließ (Revolutionäres Militärkomitee), während die Frontarmee, nachdem sie mit ihrem Oberbefehlshaber Duchonin und dem Krieg Schluss gemacht hatte, sich einfach auflöste und nach Hause ging. Auch 1920, im Ruhrgebiet, als sich die rote Ruhrarmee gegen die Konterrevolution von Kapp/Lüttwitz bildete, gab es, solange die Ruhrarmee das Feld beherrschte, nur in ausnahmsweisen Fällen Unordnung und Plünderungen durch kriminelle Elemente. Die Ruhrarmee ließ sofort Posten in den Städten Streife gehen.

Das gestaltet sich in Nordafrika völlig anders; jede Revolution entwickelt neben allgemeinen Zügen immer auch eine eigene Spezifik, die abhängt von Ort und Zeit, von den konkreten Bedingungen. Hier scheint der aufgestaute Hass auf die Diktatur und das Fehlen einer zielgerichteten, organisierten sozialistischen Parteiführung, sowie der noch intakte, aber bereits neutralisierte Militärapparat des alten Regimes, der die Revolution schon nicht mehr niederschlägt, sich so auszuwirken, dass jede Ordnung zusammen zu brechen droht. Hier gilt eine Warnung Schillers:

„Wehe, wenn im Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft
Das Volk zerreißend seine Kette
Zur Eigenhilfe schrecklich greift“

Bei Heine gibt es ähnliche Passagen

„Es ist alles still… Nur ein leiser, monotoner Tropfenfall. Das sind die Zinsen die fortlaufend hinabträufeln in die Kapitalien, welche beständig anschwellen; man hört ordentlich, wie sie wachsen, die Reichtümer der Reichen. Dazwischen das leise Schluchzen der Armut. Manchmal auch klirrt etwas, wie ein Messer, das gewetzt wird.“

Wohlfeile Ratschläge von Außenstehenden verbieten sich. Niemand hier im ruhigen Europa kennt die verborgenen, verdrängten, versteckten Sachverhalte im notwendigen Umfang und wenn einer meint, was Besseres zu wissen, hätte er gefälligst vorher den Mund öffnen sollen. Unterhalb einer solchen anmaßenden Arroganz darf man jedoch den dortigen Revolutionären schildern, was uns selbst passiert ist und wie wir gehandelt haben und vielleicht ist was Brauchbares für sie dabei.

Zunächst ist der Unterschied zwischen einer Revolution und einem Putsch, einer Palast-„Revolution“ festzustellen. Bei der Palastrevolution wird eine Junta gegen eine andere Junta ausgetauscht, die beide aus dem gleichen Saustall kommen, nur um persönliche Macht kämpfen, das bestehende System aber nicht antasten wollen und dem Volk einen Topf weißer Salbe bieten. Eine Variante dieser Art ist die nachträgliche Auswechslung der ersten Garnitur der herrschenden Ganoven durch die zweite und da sind die Massen schon weiter: Damit lassen sie sich nicht mehr abspeisen. Sie wollen echte, soziale Änderungen sehen, alias Arbeitsplätze und keine Hungerlöhne, sowie die beides bedingende Freiheit und damit sind die wirklichen Zielsetzungen der Revolution sozialistische, was bereits zu einem erbitterten Kampf geführt hat, weil die herrschende feudal-kapitalistische Bande das niemals freiwillig gewähren wird: Die werden über Leichen gehen, egal wie hoch das Gebirge wird. Da nur ein breitester Massenenthusianismus herrscht, aber keine Führung vorhanden ist, die Reaktion aber nach dem Eingreifen des Militärs rufen wird, um die „Ordnung“ gegen die Plünderungsanarchie auf Biegen oder Brechen durchzusetzen und weil die Plünderungsanarchie die Revolution unvermeidlich spalten muss: Deshalb sind schnelle Maßnahmen nötig.

Wie könnten sie aussehen? Die Logik der Sachlage gibt sie vor.

Es könnte hilfreich sein, wenn einige Revolutionäre ein provisorisches Organisationszentrum schaffen, organisiert an die Militärführung auf der Straße (und, wenn möglich, direkt an das militärische Machtzentrum gerichtet) herantreten und diese dafür gewinnen, gemeinsame bewaffnete Ordnungskerne einer neuen Ordnung zu schaffen und diese so schnell wie möglich zu verbreitern und über Kairo zu verbreiten. Damit das funktioniert, muss dieser gemeinsame Ordnungskern sich in den Besitz „des Telegraphenamts“ setzen, also heute der wichtigsten elektronischen Kommunikationszentralen, um Aufrufe verbreiten zu können und dadurch die Bewegung vom Chaos zum organisierten Handeln zu bringen. Zivil muss das sofort begleitet sein, durch Aufruf zur Bildung von Räten. Es ist so, dass in allen ähnlichen Massenbewegungen vergleichbarer Art Räte in Europa und Asien entstanden sind, Einrichtungen zum Beratschlagen der Massen über Weg und Ziele. Und da die Räte keine Quasselbuden sind, sondern die Ratsbeschlüsse auch sofort organisierend umsetzen, gibt es nicht die Divergenz und die Lahmarschigkeit des kapitalistischen Parlamentierens und Lamentierens. Wegen der Größe Kairos werden wahrscheinlich lokale und regionale Räte angezeigt sein, sowie einen die Gesamtstadt und den Gesamtstaat repräsentierenden Rat. „Demokratische“, juristische Finessen alter Art werden nichts mehr bringen, in einer Situation, wo sie bereits gründlich zusammengebrochen sind und keine faktische Macht mehr haben. Diese Finessen wären nur noch durch ein Blutbad des Militärs gegen das Volk wieder zum Leben zu erwecken. Das ist zwar auch möglich, aber wer von den Generälen möchte schon, im Gegensatz zum Sozialdemokraten Noske, dem das leicht von der Hand ging, der Bluthund sein, der den Befehl dazu gibt und einen ungewissen bis ziemlich sicheren Galgen schon vor Augen hat.

Eine wirkliche Revolution ist kein Putsch, sondern eine historische Umwälzung eines alten, überlebten Sozialsystems in ein neues. Da wir es hier mit einer letztlich auf sozialistische Ziele gerichteten Revolution zu tun haben, müssen die Massen wissen, dass man diese Zielsetzung nicht durch die Übernahme des alten Staatsapparates verwirklichen kann. Der alte Apparat muss zerschlagen und ein neuer aufgebaut werden. Das sind die Erfahrungen des ersten Arbeiterstaates, der Pariser Kommune von 1871, die zwei Monate bestand, eine Reihe bahnbrechender Gesetze beschloss, die sich sehen lassen können, aber daran scheiterte, dass sie keine eigenen Staatsorgane schuf. Hingegen handeln die Massen in Afrika entsprechend instinktiv richtig, indem sie wütend die Zumutung ablehnen, sich von den alten Diktatoren weiterhin kujonieren zu lassen, welche Garnitur auch immer ihnen vor die Nase gesetzt werden soll. Da aber die Bedingungen für eine sozialistische Revolution im Vollbild in Nordafrika noch nicht gegeben sind, könnte der grob skizzierte Plan eines Bündnisses mit dem Militär hilfreich sein und weitgehend Ziele der Revolution zu verwirklichen gestatten.

Es steht nirgends geschrieben und es gibt keine praktischen Erfahrungen, die besagen, dass eine grundlegende Revolution von Gewalteruptionen begleitet sein muss. Einen entsprechenden Dämpfer hat übrigens Stalin übereifrigen Genossen verpasst. Es steht nirgends geschrieben und es gibt keine praktischen Erfahrungen, die besagen, dass die Revolution kriminellen Elementen des Lumpenproletariats das Plündern und Brandschatzen gestatten und dem Ängstigen von Bürgern im Interesse der Revolution untätig zusehen muss; das Gegenteil ist der Fall. So wie die Revolution sich kompromisslos gegen die Strauchdiebe des alten Regimes wendet, so kompromisslos muss sie die Strauchdiebe der Gosse bekämpfen. Das Lumpenproletariat aller Schattierungen (manchmal mischen sich auch recht reiche Leute unter diese Lumpen; sogar Provokateure der alten Regierungsganoven sind dort zu finden) ist reaktionär und konterrevolutionär. Das steht schon im „Kommunistischen Manifest“ von Marx. Die Exzesse dieser Strolche laufen auf ein Bündnis mit den alten, regierenden Lumpen hinaus. Deshalb hat das Bündnis der Revolutionäre mit dem Militär eine Chance.

Wenn aber das Militär seiner jetzigen Aufgabe nicht gerecht wird, und versucht, die Revolution niederzuschlagen, so möge es sich nicht über die Trümmer wundern, die es dabei mutwillig erzeugt. Letztlich wird die soziale Revolution der letzten 100 Jahre unvermeidlich siegen und zwar in der Zielrichtung und dem Ausmaß, die ein gewisser Karl Marx schon 1846 voraus sah. Letztlich wird jede grundlegende neue Sozialordnung auf den Trümmern der alten Gesellschaft errichtet, wie Erich Weinert es in einem Poem beschrieb:

„Arbeiter! Bauern! Nehmt die Gewehre!
Nehmt die Gewehre zur Hand!
Zerschlagt die faschistischen Räuberheere,
Setzt alle Herzen in Brand!
Pflanzt eure roten Banner der Arbeit
Auf jede Schanze, auf jede Fabrik!
Dann steigt aus den Trümmern der alten Gesellschaft
Die sozialistische Weltrepublik!

Das Ausmaß der Trümmer bestimmt die kapitalistische Klassenherrschaft. Es hängt von dem Rest von Verstand ab, den sie zusammen kratzen kann. Der Sozialismus geht moderater vor.
Die Volksrepublik China gewährt dem kapitalistischen Hongkong den Sonderstatus, sich langsam und organisch auf den Sozialismus hin zu bewegen. Ohne in Hongkong auch nur ein einziges Gebäude in Trümmern zu legen.

Es sollte darüber nachgedacht werden dürfen.
Muss aber nicht.
Weil: Die elementaren, materiellen Bedingen des Lebens der Gesellschaft führen unweigerlich zum Sozialismus – oder, im Falle des Versagens, zur Barbarei. Eine Alternative gibt es immer.

Weshalb mein Wunsch, Endzeit-Betrachtungen anzustellen und zu diskutieren verständlich ist. Das Nachdenken über Weg und Schicksal des Sapiens darf niemals erlahmen. Auch wenn man stets von aktuellen Dingen aufgehalten wird.

Always Yours,
Sybilla Engels

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